ÖPNV und Auto: Konkurrenz oder Kooperation?

In der Debatte um urbane Mobilität stehen sich zwei Verkehrsmittel scheinbar unversöhnlich gegenüber: der öffentliche Personennahverkehr und das Auto. Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als ob die beiden Fortbewegungsmittel in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich eine komplexere Beziehung, die kein wirkliches Richtig oder Falsch zulässt. In diesem Beitrag beleuchten wir, wie man ÖPNV und Autos zusammen denken kann, um eine effiziente, flexible und nachhaltige Mobilität zu fördern.

Konkurrenz im urbanen Raum

Die Vorstellung von ÖPNV und Auto als Kontrahenten fußt auf der Annahme, dass beide um die Gunst der Verkehrsteilnehmer buhlen. In Städten mit einem gut ausgebauten, zuverlässigen ÖPNV-System neigen die Bewohner dazu, das Auto öfter stehen zu lassen, was den Verkehr und die Umweltbelastung verringert. Hier spielt das wachsende Umweltbewusstsein eine Rolle: Viele Menschen entscheiden sich bewusst für den ÖPNV, um ihren ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Dennoch bietet das Auto unbestreitbare Vorteile in puncto Flexibilität und Bequemlichkeit, besonders in Regionen, wo der ÖPNV weniger gut ausgebaut ist.

Zu den Kosten: Mit dem Deutschlandticket beispielsweise können Nutzer für 49 Euro im Monat durchs ganze Land fahren. Im Vergleich dazu können sich die Kosten für ein Auto der Golfklasse mit einer jährlichen Fahrleistung von rund 15.000 Kilometern auf 500 Euro im Monat belaufen. Hinzu kommt der Effizienzfaktor: Während Bus & Bahn meistens den ganzen Tag (und teilweise nachts) in Benutzung sind und dabei mehrere Personen transportieren, steht das private Auto solange still, bis es vom Besitzer oder der Besitzerin gebraucht wird. Hierin werden im Schnitt auch nur 1,46 Personen transportiert (vgl. Deutscher Bundestag) und das Auto steht knapp 95% der Zeit. 

Vernetzung als Schlüssel zur Mobilitätswende

Doch ÖPNV und Auto müssen kein Widerspruch sein – es gibt zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten, die eine integrative Mobilitätslösung darstellen:

  • Park-and-Ride (P+R) Anlagen: Autofahrer:innen können ihre Fahrzeuge an Verkehrsknotenpunkten am Stadtrand parken und dann mit den Öffentlichen ins Stadtzentrum weiterfahren. Das reduziert den Verkehr und die Suche nach Parkplätzen in dicht besiedelten Innenstädten. Hierzu könnten Automobilhersteller und die Anbieter von Navigationslösungen den ÖPNV tiefer integrieren und auch buchbar machen.

     

  • Carsharing-Angebote an ÖPNV-Stationen: Einige Städte stellen Fahrzeuge an Bahnhöfen oder Haltestellen bereit und integrieren so Carsharing-Dienste in ihr öffentliches Verkehrsnetz. Dadurch können Nutzerinnen und Nutzer für bestimmte Streckenabschnitte, die mit dem ÖPNV schlecht erreichbar sind, auf ein Auto umsteigen. Lange Strecken hingegen und die Wege innerhalb eines Stadtzentrums können dann wiederum mit dem ÖPNV bewältigt werden.

     

  • Elektromobilität und Ladeinfrastruktur: Die Förderung der Elektromobilität, einschließlich der Bereitstellung von Lademöglichkeiten an ÖPNV-Stationen, kann Autofahrer:innen zum Umstieg auf umweltfreundlichere Fahrzeuge motivieren und eine Brücke zwischen individueller und öffentlicher Mobilität schlagen. Während das Auto lädt, können beispielsweise Einkäufe erledigt werden.

     

  • Mobilitäts-Apps und Plattformen: Digitale Anwendungen, die verschiedene Verkehrsmittel integrieren, bieten Nutzenden die Möglichkeit, Reiserouten zu planen, die sowohl den ÖPNV als auch private Fahrzeuge, einschließlich Fahrrad- und Carsharing-Dienste, umfassen. Diese Apps erleichtern die intermodale Mobilität, d.h. die Kombination verschiedener Verkehrsmittel für eine Reise.

     

  • ÖPNV Ticketing über Drittanbieter: Ein Weg für Verkehrsbetriebe, neue Kundengruppen zu gewinnen. Um die angesprochenen Anwendungsfälle realisieren zu können, müssen auch andere, branchenübergreifende, Unternehmen das ÖPNV Angebot integrieren können. Dies ist für Verkehrsbetriebe lohnenswert, weil dadurch neue Zielgruppen angesprochen werden – darunter auch Menschen, die sich zunächst nicht proaktiv für den ÖPNV entscheiden würden. Sie bekommen das Ticket (z.B. Deutschlandticket oder Bartarif) als zusätzlichen Service voll integriert von ihrem Navigationssystem, dem Parkhausbetreiber oder der Autovermietung angeboten

In den vergangenen Monaten konnten wir mit mehreren Kunden unserer Plattform, die eine solche Vernetzung ermöglicht, dieses Potential demonstrieren, darunter z. B. der ADAC: 

ÖPNV in der ADAC Trips App

Unter dem Motto „Sprit sparen. Klima schützen. Mobil bleiben.“ setzt sich der ADAC, Europas größter Automobilclub, aktiv für nachhaltige Mobilität ein. In der unternehmenseigenen ADAC Trips App bietet er das Deutschlandticket an. Hier erhalten Nutzer zusätzlich zum Deutschlandticket viele Tipps und Inspirationen für Tages- und Wochenendausflüge mit dem öffentlichen Nahverkehr, womit alle mobilen Menschen und potentielle Fahrgäste angesprochen werden sollen.

Wie würde die Stadt Berlin aussehen, wenn es nur öffentlichen Nahverkehr auf den Straßen gäbe und alle Autos draußen auf Park-and-Ride-Parkplätzen abgestellt würden? Dieses von KI erstellte Bild veranschaulicht genau dieses Szenario.

Fazit

Die Beziehung zwischen ÖPNV und Auto ist vielschichtig und kann nicht auf eine einfache Formel der Konkurrenz reduziert werden. Vielmehr sollten beide Verkehrsmittel als komplementäre Bestandteile eines umfassenden Mobilitätsökosystems gesehen werden, das auf die Bedürfnisse der Stadt- oder Landbewohner zugeschnitten ist. Wenn wir Kooperation und Integration fördern, können wir den Weg zu einer nachhaltigeren, effizienteren und nutzerfreundlicheren urbanen Mobilität ebnen.

Quellen und weiterführende Links